Medizinisch geprüft von PD Dr. med. Arash Najafi · Stand: Oktober 2026
Kurz beantwortet
Die periradikuläre Therapie (PRT) ist eine bildgesteuerte Injektion bei Bandscheibenvorfall mit ausstrahlenden Schmerzen, zum Beispiel Ischias. Unter CT- oder Fluoroskopie-Kontrolle werden ein Lokalanästhetikum und Kortison präzise an die gereizte Nervenwurzel gebracht, direkt an den Ursprung des Schmerzes. Systemische Wirkungen auf den übrigen Körper werden so minimiert; der Eingriff erfolgt ambulant und ohne Narkose.
Es beginnt im Rücken und zieht sich ins Bein – ein Schmerz, der brennt, kribbelt und sich manchmal taub anfühlt. Der Ischias-Schmerz, ausgelöst durch einen Bandscheibenvorfall, der eine Nervenwurzel reizt oder einklemmt, ist einer der bekanntesten Rückenschmerzen überhaupt. Und einer der intensivsten.
Physiotherapie und Schmerzmittel helfen vielen – aber eben nicht allen.
Wenn die Beschwerden trotz konservativer Therapie anhalten, bietet die periradikuläre Therapie (PRT) eine präzise, bildgeführte Behandlungsoption direkt am Ursprung des Schmerzes.
Auf einen Blick
Was ist ein Bandscheibenvorfall?
Ursachen und Symptome
Zwischen den Wirbelkörpern sitzen die Bandscheiben als elastische Puffer. Wenn der gallertige Kern einer Bandscheibe durch den äusseren Faserring austritt (Prolaps), kann er auf eine Nervenwurzel drücken und dort eine Entzündungsreaktion auslösen. Das Resultat:
Was ist die periradikuläre Therapie (PRT)?
Das Medikament direkt an den Nerv
Bei der PRT wird eine Kombination aus einem Lokalanästhetikum (betäubt den Nerv) und einem Kortikosteroid (hemmt die Entzündung) unter bildgebender Kontrolle präzise an die betroffene Nervenwurzel injiziert. Die CT- oder Fluoroskopie-Führung ermöglicht eine millimetergenaue Platzierung der Nadel.
Der Vorteil gegenüber einer oralen Kortison-Therapie: Das Medikament wirkt konzentriert direkt dort, wo es gebraucht wird. Systemische Wirkungen auf den restlichen Körper werden minimiert.
Die PRT hat zudem eine diagnostische Funktion: Wenn die Injektion Ihre Beschwerden deutlich lindert, spricht das stark dafür, dass die behandelte Nervenwurzel tatsächlich die Schmerzquelle ist. Falls die Beschwerden nicht ansprechen, hilft dies, die Diagnose zu überdenken.
Wie läuft die PRT ab?
Schritt für Schritt
Was sagt die Wissenschaft?
Evidenzbasierte Ergebnisse
Die Kortisoninfiltration an der Nervenwurzel ist in zahlreichen randomisierten Studien untersucht. Sie hilft nicht allen Patienten, einem Teil aber deutlich, vor allem in den ersten Wochen bis Monaten:
54 %
Einen Monat nach einer Kortisoninfiltration an die Nervenwurzel waren 54 % der Patienten mit ausstrahlenden Beinschmerzen schmerzfrei oder hatten mindestens 50 % weniger Schmerzen; nach einer Injektion nur mit Lokalanästhetikum waren es 7 %, mit Kochsalzlösung 19 % (randomisierte Studie; Ghahreman et al., 2010).
71 %
Von den Patienten, die bereits für eine Operation vorgesehen waren, verzichteten nach einer bildgesteuerten Nervenwurzelinfiltration mit Kortison 20 von 28 (71 %) auf den Eingriff, mit einem Lokalanästhetikum allein 9 von 27 (33 %) (randomisierte Studie; Riew et al., 2000).
17 von 21
Von 21 Patienten, die nach der Infiltration auf die Operation verzichtet hatten und mindestens 5 Jahre nachbeobachtet wurden, waren 17 weiterhin nicht operiert; ob Kortison oder nur ein Lokalanästhetikum gespritzt worden war, machte dabei keinen Unterschied (Riew et al., 2006).
Das Gesamtbild zeigt eine Metaanalyse von 8 randomisierten Studien mit 771 Patienten mit Bandscheibenvorfall (Bhatia et al., 2016): Kortison, das wie bei der PRT direkt an die Nervenwurzel gespritzt wird, linderte die Schmerzen, gemessen nach 3 Monaten, stärker als eine Injektion ohne Kortison. Der Unterschied war im Durchschnitt jedoch mässig, knapp 1 Punkt auf einer Schmerzskala von 0 bis 10. In einzelnen Studien wie jener von Riew verzichteten nach Kortison deutlich mehr Patienten auf eine Operation; in der Zusammenschau aller Studien hatte die Kortisongabe aber keinen messbaren Einfluss auf die Alltagsfunktion oder die Zahl späterer Operationen. Die PRT eignet sich deshalb vor allem, um eine Phase starker Schmerzen zu überbrücken, während viele Bandscheibenvorfälle von selbst abheilen.
- In der Studie von Ghahreman sprachen Patienten mit akuten und mit länger bestehenden ausstrahlenden Schmerzen gleich gut an; mit der Zeit nahm der Anteil mit anhaltender Linderung jedoch ab, und nur bei einem Teil hielt sie über 12 Monate hinaus an (Ghahreman et al., 2010).
Für wen ist die PRT geeignet?
Und für wen nicht
- Bandscheibenvorfall mit ausstrahlenden Schmerzen (Radikulopathie), der auf eine konservative Therapie über mindestens 4–6 Wochen nicht ausreichend angesprochen hat
- Patienten, die eine Operation vermeiden oder hinausschieben möchten
- Als diagnostischer Test, um die schmerzverursachende Nervenwurzel zu identifizieren
- Akute Lähmungen oder rasch zunehmende neurologische Ausfälle (hier ist eine dringliche chirurgische Beurteilung nötig)
- Schwere Gerinnungsstörungen oder nicht pausierbare Blutverdünner
- Aktive Infektion im Behandlungsgebiet
Häufige Fragen zum Bandscheibenvorfall und zur PRT
FAQ
Die Mehrheit der Bandscheibenvorfälle heilt konservativ aus. Die periradikuläre Therapie (PRT) – eine bildgesteuerte Injektion von Kortison direkt an die betroffene Nervenwurzel – kann die akute Entzündung gezielt reduzieren und so in manchen Fällen eine Operation vermeiden oder hinauszögern. Studien zeigen, dass etwa ein Drittel bis die Hälfte der Patienten, die eine Operation erwogen, nach einer solchen Kortisoninfiltration vorerst keinen Eingriff benötigten.
Physiotherapie ist die Basisbehandlung bei jedem Bandscheibenvorfall. Die PRT kommt zum Einsatz, wenn der Schmerz trotz Physiotherapie so stark bleibt, dass er die Rehabilitation behindert. PRT und Physiotherapie ergänzen sich: Die Spritze reduziert den akuten Schmerz, die Physiotherapie baut die Muskulatur auf und verhindert Rückfälle.
In der Regel werden 1–3 Sitzungen im Abstand von 2–4 Monaten durchgeführt. Bei gutem Ansprechen kann schon eine einzige PRT ausreichen. Wir beurteilen gemeinsam mit Ihnen nach jeder Sitzung, ob eine Wiederholung sinnvoll ist.
Viele Patienten spüren eine erste Verbesserung bereits nach 3–7 Tagen, wenn die entzündungshemmende Wirkung des Kortisons einsetzt. Das Lokalanästhetikum wirkt unmittelbar, aber nur für einige Stunden. Die länger anhaltende Wirkung entfaltet das Kortison.
Nein. Nüchternheit ist für die PRT nicht erforderlich, da sie nicht unter Narkose oder Sedierung durchgeführt wird. Sie können normal essen und trinken. Bringen Sie jedoch eine Begleitperson mit, da ein vorübergehendes Taubheitsgefühl das Autofahren am Behandlungstag ausschliesst.
In vielen Fällen ja. In einer randomisierten Studie verzichteten 20 von 28 Patienten (71 %), die bereits für eine Operation vorgesehen waren, nach einer bildgesteuerten Nervenwurzelinfiltration mit Kortison auf den Eingriff – mit einem Lokalanästhetikum allein waren es 9 von 27 (33 %). Bei Patienten mit akuten Lähmungszeichen oder schweren neurologischen Ausfällen bleibt die Operation jedoch die erste Wahl.
Nein. Die PRT bekämpft die Entzündungsreaktion um den Nerv, entfernt aber die vorgewölbte Bandscheibe nicht. Sie gibt dem Körper Zeit, die Entzündung auszuheilen, indem sie die Beschwerden überbrückt.
Das ist sehr individuell. In Studien wirkt das Kortison vor allem in den ersten Wochen; da viele Bandscheibenvorfälle in dieser Zeit von selbst abheilen, bleiben manche Patienten aber auch über Monate bis Jahre beschwerdearm. Kehren die Beschwerden zurück, kann die PRT wiederholt werden.
Nach der PRT ist ein vorübergehendes Taubheitsgefühl im Bein oder Arm (je nach behandelter Höhe) für einige Stunden normal. Deshalb sollten Sie am Behandlungstag nicht Auto fahren. Eine leichte Druckempfindlichkeit an der Einstichstelle für 1–2 Tage ist ebenfalls normal.
Bitte kontaktieren Sie uns umgehend bei:
- Neu aufgetretener oder deutlich zunehmender Lähmung in Arm oder Bein
- Verlust der Blasen- oder Darmkontrolle (sofortiger Notfall – Cauda-equina-Syndrom)
- Fieber über 38,5 °C, starken Rückenschmerzen und allgemeinem Krankheitsgefühl (Anzeichen einer Infektion oder Bandscheibenentzündung)
- Starken Kopfschmerzen in aufrechter Position (mögliche Verletzung der Rückenmarkshaut)
- Zunehmenden statt abnehmenden Schmerzen nach mehr als 72 Stunden
Wissenschaftliche Referenzen
- Randomisierte Studie Riew KD, Yin Y, Gilula L, et al. The effect of nerve-root injections on the need for operative treatment of lumbar radicular pain. J Bone Joint Surg Am. 2000;82(11):1589–1593. PubMed ↗
- Randomisierte Studie Karppinen J, Malmivaara A, Kurunlahti M, et al. Periradicular infiltration for sciatica: a randomized controlled trial. Spine (Phila Pa 1976). 2001;26(9):1059–1067. PubMed ↗
- Leitlinie DGOOC, DGOU, DGNC, DWG. S2k-Leitlinie Konservative, operative und rehabilitative Versorgung bei Bandscheibenvorfällen mit radikulärer Symptomatik. AWMF-Register-Nr. 187-057 (vormals 033-048). Stand 09/2020. Quelle ↗
- Randomisierte Studie Ghahreman A, Ferch R, Bogduk N. The efficacy of transforaminal injection of steroids for the treatment of lumbar radicular pain. Pain Med. 2010;11(8):1149–1168. PubMed ↗
- Prospektive Studie Riew KD, Park JB, Cho YS, et al. Nerve root blocks in the treatment of lumbar radicular pain. A minimum five-year follow-up. J Bone Joint Surg Am. 2006;88(8):1722–1725. PubMed ↗
- Metaanalyse Bhatia A, Flamer D, Shah PS, et al. Transforaminal epidural steroid injections for treating lumbosacral radicular pain from herniated intervertebral discs: a systematic review and meta-analysis. Anesth Analg. 2016;122(3):857–870. PubMed ↗
Literatur geprüft im Oktober 2026
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Indikation
Lumbale oder zervikale Radikulopathie bei Bandscheibenvorfall, die auf eine konservative Therapie über mindestens 4–6 Wochen nicht ausreichend angesprochen hat; auch als diagnostische Infiltration zur Identifikation der schmerzverursachenden Nervenwurzel.
Hilfreiche Unterlagen
Aktuelles MRI der Wirbelsäule und Vorbefunde mit neurologischem Status; Angaben zu blutverdünnenden Medikamenten.
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Zuweisungsformular per E-Mail an irz@hirslanden.ch oder Anruf unter +41 44 387 25 84. Wir melden uns innert eines Werktages und senden Ihnen nach dem Eingriff einen Bericht.
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