Medizinisch geprüft von PD Dr. med. Arash Najafi · Stand: Oktober 2026
Kurz beantwortet
Ein Aortenaneurysma ist eine Ausweitung der Hauptschlagader, die sich über Jahre ohne Symptome bildet und reissen kann. Bei EVAR (Bauchaorta) und TEVAR (Brustaorta) wird über die Leistenarterien eine Endoprothese eingebracht, die das Aneurysma vom Blutfluss ausschliesst; statt eines langen Bauchschnitts genügen zwei kleine Zugänge. Die IRZ in Zürich arbeitet dabei eng mit dem Gefässchirurgenteam des Vaskulären Zentrums Zürich zusammen.
Ein Aortenaneurysma ist wie ein Ballon, der sich langsam an der grössten Schlagader des Körpers bildet: still, ohne Symptome, über Jahre. Bis es reisst. Eine Aortenruptur ist einer der wenigen echten chirurgischen Notfälle: Insgesamt versterben rund 75–80 % der Betroffenen, viele bereits, bevor sie das Spital erreichen.
Die endovaskuläre Aortenreparatur (EVAR und TEVAR) hat die Behandlung grundlegend verändert: Statt eines langen Bauchschnitts genügen heute zwei kleine Zugänge über die Leistenarterien.
Auf einen Blick
Was ist ein Aortenaneurysma?
Aneurysma, Dissektion und Ruptur
Die Aorta, die Hauptschlagader des Körpers, hat beim gesunden Erwachsenen einen Durchmesser von ca. 2 cm im Bauch und 2,5–3 cm in der Brust. Von einem Aneurysma spricht man, wenn sich ein Gefässabschnitt auf mehr als das 1,5-Fache seines normalen Durchmessers ausweitet. Die Wand wird dünner, die Wandspannung steigt, und das Rupturrisiko wächst exponentiell mit dem Durchmesser.
Die wichtigsten Krankheitsbilder:
Wie funktionieren EVAR und TEVAR?
Die endovaskuläre Behandlung
EVAR (Endovascular Aortic Repair) bezeichnet die endovaskuläre Reparatur der Bauchaorta, TEVAR (Thoracic EVAR) die der Brustaorta. Das Prinzip ist bei beiden identisch: Eine Endoprothese, ein gefaltetes Metallgitter-Röhrchen mit Gewebehülle (Stentgraft), wird über Katheter durch die Leistenarterien in die erkrankte Aorta eingebracht und dort entfaltet. Die Prothese übernimmt die Funktion der geschwächten Aortenwand und schliesst das Aneurysma vom Blutfluss aus.
Ablauf Schritt für Schritt
Was sagt die Wissenschaft?
Evidenzbasierte Ergebnisse
Die wichtigsten Studienergebnisse im Überblick:
1,8 %
30-Tages-Sterblichkeit nach EVAR in der EVAR-1-Studie (Greenhalgh et al., N Engl J Med, 2010; 1'252 Patienten), deutlich geringer als nach offener Operation (4,3 %).
38 %
In der niederländischen DREAM-Studie waren nach 12 Jahren rund 38 % der EVAR-Patienten erneut behandelt worden, nach offener Operation rund 21 %.
- EVAR-1-Studie, Langzeitverlauf: Über den gesamten Beobachtungszeitraum war das Gesamtüberleben vergleichbar. Der frühe Überlebensvorteil von EVAR ging jedoch nach einigen Jahren verloren: Nach EVAR waren Folgeeingriffe häufiger, und in der Langzeitauswertung über bis zu 15 Jahre war die Sterblichkeit nach mehr als 8 Jahren nach EVAR höher – vor allem wegen später Aneurysmarupturen. Deshalb sind lebenslange Kontrollen wichtig.
- ACE-Studie (Becquemin et al., J Vasc Surg, 2011; Patienten mit niedrigem bis mittlerem Operationsrisiko): Nach EVAR war der Spitalaufenthalt kürzer; Sterblichkeit und Überleben nach drei Jahren unterschieden sich jedoch nicht, und Folgeeingriffe waren nach EVAR häufiger (16 % vs. 2,4 %).
- TEVAR bei Typ-B-Dissektion: Eine systematische Übersichtsarbeit (Mussa et al., JAMA, 2016) kommt zum Schluss, dass die endovaskuläre Behandlung bei der Typ-B-Dissektion der offenen Operation überlegen sein dürfte.
- Langzeit-Reinterventionsrate: EVAR erfordert häufiger Folgeeingriffe als die offene Operation. Moderne Endoprothesen sollen die Haltbarkeit verbessern.
- Leitlinienempfehlung: Die European Society for Vascular Surgery (ESVS, 2019, bestätigt 2024) empfiehlt, bei geeigneter Anatomie und ausreichender Lebenserwartung EVAR als bevorzugte Methode in Betracht zu ziehen. Bei jüngeren, fitten Patienten mit langer Lebenserwartung kann die offene Operation die bessere Wahl sein.
Für wen sind EVAR und TEVAR geeignet?
Und für wen nicht
- BAA ≥ 5,5 cm (Männer) bzw. ≥ 5,0 cm (Frauen) oder rasch wachsendes Aneurysma (> 1 cm/Jahr)
- Symptomatisches oder gedeckt rupturiertes Aneurysma (Notfall-EVAR)
- Typ-B-Aortendissektion mit Komplikationen
- Patienten mit erhöhtem Operationsrisiko (kardiopulmonal, hohes Alter) – nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Lebenserwartung
- Ungünstige Aortenhalslänge (< 10 mm) oder starke Angulation des Aortenhalses: kann technisch anspruchsvoll sein; eine fenestrierte oder gebranchte EVAR kann eine mögliche Lösung sein (individuelle Beurteilung)
- Schwere Niereninsuffizienz (Kontrastmittelbelastung; alternative Planung)
- Nicht kontrollierbares Infektionsgeschehen
Häufige Fragen zum Aortenaneurysma
FAQ
Die allgemeinen Leitlinien empfehlen eine Behandlung ab einem Durchmesser von 5,5 cm bei Männern und 5,0 cm bei Frauen oder bei raschem Wachstum (> 1 cm/Jahr). Kleinere Aneurysmen werden regelmässig überwacht.
Nach EVAR sind lebenslange Bildgebungskontrollen notwendig: üblicherweise CT oder Ultraschall nach 1 Monat, dann je nach Risikoprofil jährlich oder erst nach mehreren Jahren. Ziel ist die Überprüfung, ob die Prothese korrekt sitzt und ob sogenannte Endoleaks auftreten, also Blut, das noch ins Aneurysma fliesst.
Kurzfristig ja: Die Sterblichkeit in den ersten 30 Tagen ist bei EVAR deutlich geringer (1,8 % vs. 4,3 % in der grossen EVAR-1-Studie). Langfristig – über 10 bis 15 Jahre – war das Gesamtüberleben in den grossen Studien insgesamt vergleichbar; in einer Studie war es nach mehr als 8 Jahren nach EVAR etwas schlechter. EVAR erfordert lebenslange Kontrollen, und Folgeeingriffe sind häufiger (in einer Studie bei rund 38 % der Patienten innerhalb von 12 Jahren, nach offener Operation bei rund 21 %).
Ein Endoleak bedeutet, dass Blut trotz Prothese noch in den Aneurysmasack fliesst. Es gibt verschiedene Typen: Manche sind harmlos und bilden sich spontan zurück, andere müssen behandelt werden, meist mit einem erneuten Kathetereingriff. Regelmässige, lebenslange Bildgebungskontrollen sind deshalb wichtig.
Nach EVAR oder TEVAR erfolgt eine stationäre Überwachungsphase. Nach der Entlassung sind leichte Schmerzen an den Einstichstellen normal.
Bitte kontaktieren Sie uns oder die Notfallstation umgehend bei:
- Plötzlich starken Rücken-, Flanken- oder Bauchschmerzen (mögliche Endoleak-Komplikation oder Ruptur – Notfall)
- Verlust der Durchblutung in den Beinen (Kälte, Blässe, Schmerzen)
- Fieber über 38,5 °C
- Grossen Blutergüssen oder Schwellung in den Leisten
Wissenschaftliche Referenzen
- Randomisierte Studie United Kingdom EVAR Trial Investigators; Greenhalgh RM, Brown LC, Powell JT, et al. Endovascular versus open repair of abdominal aortic aneurysm. N Engl J Med. 2010;362(20):1863–1871. PubMed ↗
- Randomisierte Studie Becquemin JP, Pillet JC, Lescalie F, et al. A randomized controlled trial of endovascular aneurysm repair versus open surgery for abdominal aortic aneurysms in low- to moderate-risk patients. J Vasc Surg. 2011;53(5):1167–1173.e1. PubMed ↗
- Systematische Übersicht Mussa FF, Horton JD, Moridzadeh R, et al. Acute aortic dissection and intramural hematoma: a systematic review. JAMA. 2016;316(7):754–763. PubMed ↗
- Leitlinie Wanhainen A, Verzini F, Van Herzeele I, et al. European Society for Vascular Surgery (ESVS) 2019 Clinical Practice Guidelines on the Management of Abdominal Aorto-iliac Artery Aneurysms. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2019;57(1):8–93. PubMed ↗
- Leitlinie Chaikof EL, Dalman RL, Eskandari MK, et al. The Society for Vascular Surgery practice guidelines on the care of patients with an abdominal aortic aneurysm. J Vasc Surg. 2018;67(1):2–77.e2. PubMed ↗
- Metaanalyse Reimerink JJ, van der Laan MJ, Koelemay MJ, et al. Systematic review and meta-analysis of population-based mortality from ruptured abdominal aortic aneurysm. Br J Surg. 2013;100(11):1405–1413. PubMed ↗
- Randomisierte Studie Patel R, Sweeting MJ, Powell JT, et al. Endovascular versus open repair of abdominal aortic aneurysm in 15-years' follow-up of the UK endovascular aneurysm repair trial 1 (EVAR trial 1): a randomised controlled trial. Lancet. 2016;388(10058):2366–2374. PubMed ↗
- Randomisierte Studie van Schaik TG, Yeung KK, Verhagen HJ, et al. Long-term survival and secondary procedures after open or endovascular repair of abdominal aortic aneurysms. J Vasc Surg. 2017;66(5):1379–1389. PubMed ↗
- Leitlinie Wanhainen A, Van Herzeele I, Bastos Goncalves F, et al. European Society for Vascular Surgery (ESVS) 2024 Clinical Practice Guidelines on the Management of Abdominal Aorto-Iliac Artery Aneurysms. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2024;67(2):192–331. PubMed ↗
Literatur geprüft im Oktober 2026
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Indikation
Bauchaortenaneurysma ab 5,5 cm (Männer) bzw. 5,0 cm (Frauen) oder mit raschem Wachstum (> 1 cm/Jahr); thorakale Aneurysmen und komplizierte Typ-B-Dissektionen zur Beurteilung einer EVAR bzw. TEVAR.
Hilfreiche Unterlagen
Hochauflösende CT-Angiographie der Aorta, falls vorhanden; bisherige Ultraschall- oder CT-Verlaufsbefunde; aktuelle Nierenwerte und Medikamentenliste.
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